Die regionale Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ war zu Gast bei Slowtype und Ise

Die Tradition der Walz, auf die vor allem Handwerker aus dem Baugewerbe gehen, um unterschiedliche Betriebe und Arbeitstechniken kennenzulernen, ist an strenge Regeln geknüpft: Die Wandergesellen müssen ledig sein, kinderlos, schuldenfrei und jünger als 30 Jahre. Es gibt viele Traditionen zu beachten, zu der auch das Tragen der Zunftkleidung gehört. Am bekanntesten ist die der Zimmerleute: schwarze Cord-Schlaghose, Weste, Jackett. Hut und Wanderstock. Die Grafikerin Marie-Luise Weier ist bei ihrer Walz freier: Ihre „Walz“ ist ein Stipendium zu 1000 Euro des „Vereins für die schwarze Kunst“. Innerhalb eines Jahres soll die 26 -Jährige dafür „an 40 Arbeitstagen zu mindestens fünf Stunden mindestens drei Druckwerkstätten“ besuchen, die das traditionelle Handwerk des Schriftsetzens, des Buchdrucks und des Schriftgusses weitergeben. Geeignete Betriebe sind auf der Homepage des Vereins gelistet, es gibt sie in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien, Slowenien, den Niederlanden, Schweden und Kairo. Weier ist nicht ununterbrochen auf der Walz. sondern besucht einmal pro Monat für eine Woche einen Betrieb. In der Zwischenzeit arbeitet sie als selbstständige Designerin in Rotterdam. Auf der Walz verfolgt sie ihr Projekt „Walzpostkarte“, bei dem sie ihren Umgang mit Zeit reflektiert. Auf jeder „Station“ druckt sie eine selbst entworfene Postkarte in mehrfacher Auflage im Handsatz, die sie an Freunde und Vereinsmitglieder per Post verschickt. Für jede Druckerei gestaltet sie eine andere Version der Serie: Auf allen Karten steht in Plakatschrift „ICH“, die Buchstaben sind aber bei jeder Variante anders angeordnet, außerdem druckt sie in jedem Betrieb einen anderen Satz auf die Karte, der einen Gedanken ausdrückt, der ihr „an dem speziellen Ort zu diesem Zeitpunkt“ in den Sinn kam.

Bei ihrer ersten Station hatte sie einen Fahrradunfall, weil sie zu spät losgefahren ist. Diese Erfahrung inspirierte sie zu dem Satz: „Jetzt gerade denke ich: Mein Zukunfts-Ich muss sjch morgen beeilen, weil mein Vergangenheits-Ich gestern keine Zeit hatte.“ Auf der Postkarte, die sie in Ludwigshafen mit der Presse „FAG Swiss Proof, die noch bis in die 80er Jahre regulär im Einsatz war, druckt, steht: „Ich nehme mir Zeit“. Das ,,Ich“ steht im Hintergrund, darüber ist in transparentem Drucklack geschrieben: „ein bisschen, einen Augenblick, einen Moment, ein Minütchen, einen Atemzug, nur eine Sekunde, gleeeeich“. Ludwigshafen ist ihre dritte Kunstdruckstation nach der Druckerei Beck in Dachau und dem Druckladen im Gutenberg Museum in Mainz. Am „Handsatz“ – die Bleilettern werden mit der Hand gesetzt – gefällt der 26-Jährigen, die normalerweise digital arbeitet, das Langsame: „Es ist angenehm, wenn man so walzt und hin- und herläuft. dann kommt man in so einen „Slow State“. Das hat was Meditatives.“ Außerdem lerne sie die Typographie, die sie im Studium als Theorie kennengelernt habe, durch die motorisch-physische Komponente anders kennen. Sie muss beim Handsatz die einzelnen Bleibuchstaben aus dem Setzkasten, wo sie sortiert aufbewahrt werden, entnehmen und einzeln in den Setzrahmen setzen, um drucken zu können. Die „leeren Stellen“ zwischen den Buchstaben muss sie bewusst mit „Blindmaterial“ ausfüllen. Das macht beim Digitaldruck der Computer automatisch. Drucken braucht viel Zeit: Erst wenn der Hintergrund getrocknet ist, kann sie ihren Satz darüber drucken, wenn die Vorderseite getrocknet ist, die Hinterseite. Der Handsatz ist nicht ihr, erstes „exotisches“ Projekt: Als Abschlussarbeit ihres Dualen Studiums Mediendesign in Ravensburg druckte sie ein Buch aus Eis. für das sie 2024 mit dem „Red Dot Junior Award“ ausgezeichnet wurde. Aktuell lagert es in der Tiefkühltruhe ihrer Eltern. 2025 schloss sie in den Niederlanden ein Masterstudium an der Design Akademie Eindhoven mit einem „mannsgroßen“ Buch ab. Sie ist die zehnte Stipendiatin bei „Slowtype“ in Ludwigshafen, die Wolfgang Vogel leitet. Zu vielen ehemaligen hat er noch Kontakt, einige engagieren sich im Verein: ein nachhaltiger Beitrag zum Erhalt des Handwerks, das seit 2018 zum Weltkulturerbe zählt.