Rheinpfalz, 31.8.2020

 

Olivia_Rheinpfalz

 

Von Stefan Otto

Meisterschaft in der Schwarzen Kunst

Olivia Christen aus Dresden geht für drei Wochen bei dem Ludwigshafener Druck- und Graphikkünstler Wolfgang Vogel in die Lehre

 

"Für mich ist die Zeit hier sehr kostbar", sagt Olivia Christen. Die 29-jährige Dresdnerin ist für drei Wochen zu Gast in Ludwigshafen, um sich bei dem hiesigen Druck- und Graphikkünstler Wolfgang Vogel Fertigkeiten in der "Schwarzen Kunst" anzueignen. Mit Magie und Hexenwerk hat das aber nichts am Hut.

Wer bei dem Ausdruck "Schwarze Kunst" an Okkultismus und Zauberei denkt, liegt völlig falsch. Der Begriff steht vielmehr im Zusammenhang mit Druckgraphik, Typographik und Buchgestaltung. "Verein für die Schwarze Kunst" heißt denn auch das Bündnis, das Olivia Christen nun von der Elbe an den Rhein zu Wolfgang Vogel geführt hat.
"Ich bin bei Wolfgang, weil er so viele Disziplinen verbindet", erläutert die junge Sächsin, die sich als freischaffende Künstlerin besonders mit traditionellen Drucktechniken befasst. "Ich möchte mich professionalisieren", sagt sie und profitiert dabei von einem Stipendium das der genannte Verein vergibt. Dessen erklärtes Ziel ist es, die traditionellen Berufe und das handwerkliche Vermögen der Schriftsetzer, Setzer und Buchdrucker zu bewahren und die Wissensvermittlung an die nachfolgenden Generationen zu unterstützen. Vor zwei Jahren, im 550 Todesjahr des Mainzer Buchdruck-Erfinders Johannes Gutenberg, initiierte er daher die "Walz für Handsatz und Buchdruck", die Angehörigen künstlerischer Handwerksberufe "Wanderungen" in derzeit bis zu 17 verschiedene Werkstätten in Deutschland ermöglicht.
Erst neun Stipendien hat der "Verein für die Schwarze Kunst" bislang vergeben. Eines bekam Olivia Christen, die nun zwei Monate auf der Walz ist. Bei Willi Beck in einer Manufaktur für Bleisatz und Buchdruck in Dachau war sie bereits. Und von Ludwigshafen wird sie in die Graphikwerkstatt Dresden und darauf nach Stralsund oder Weimar weiterziehen. Die längste Zeit, drei Wochen, verbringt sie jedoch bei Wolfgang Vogel, den sie ausgesucht hat, weil sie annimmt, dass sie von ihm besonders viel lernen kann.
"Ich habe alle Entwicklungen in dieser Branche mitgemacht", berichtet der 66jährige Maudacher und zählt auf: Er war unter anderem Handsetzer, Fotosetzer, Offsetmontierer, Desktop-Publishing-Operator, Mediengestalter und Graphiker. Seit zwei Jahren ist er in Rente und verfügt seit 2012 über eine voll ausgestattete Druckwerkstatt in dem zum Atelierhaus umgebauten ehemaligen TWL-Umspannwerk. So bietet der gebürtige Speyerer in der Tat beste Voraussetzungen, um den Nachwuchs im Handwerk fortzubilden. Olivia Christen ist die allererste, die bei ihm lernt. In den folgenden Monaten werden 3 weitere Stipendiatinnen ihr nachfolgen. "Überraschenderweise nur Frauen", wie die erste feststellt. "Ich glaube, Frauen sind da einfach aktiver und kreativer", vermutet Vogel.
Angelehnt an seine Reihe sogenannter "Typoformen", von ihrer ursprünglichen Funktion befreiten Lettern, möchte er mit Olivia Christen an einer graphischen Umsetzung von Pablo Nerudas "Ode an die Typographie" arbeiten. Sie alleine sitzt gerade an einem großformatigen Faltblatt mit Karl Valentins "Vereinsrede" und einer illustrierten Mappe zur Schöpfungsgeschichte der Maya. "Wie ordne ich den Text an, welches Papier, welche Schriftart und -größe wähle ich, und wie kann ich das alles ansprechend typographisch gestalten?" lauteten die Fragen, die sich bei der Arbeit einstellten, so Christen, die bei ihrer Klärung auch auf Anregungen Vogels setzt. Am Ende, wenn die Walz aller Stipendiaten vorüber ist, solllen ihre Arbeiten im Museum Papiermühle im unterfränkischen Homburg am Main präsentiert werden.
Vorläufig hat Wolfgang Vogel seiner Schülerin auf Zeit einen Schlüssel zu seiner Werkstatt überlassen. Denn während ihres Aufenthalts in der Stadt soll sie hier arbeiten und experimentieren können, wann immer und so lange sie möchte. Olivia Christen, die in Mannheim untergekommen ist, fährt täglich mit dem Fahrrad über den Rhein. Sie findet, Ludwigshafen wie Mannheim, die sie kaum auseinanderhalten könne, hätten einen gewissen Charme, "Industriecharme". Ganz anders als das barocke Dresden natürlich, aber immerhin einen gewissen Charme.
"Unglaublich viele Rad- und Wanderwege" hat die junge Handwerkskünstlerin in der Region ausgemacht. Sie wird sie aber kaum abfahren und ablaufen können, weil es ihr nicht um Freizeit, sondern in allererster Linie um die wertvolle Zeit in Wolfgang Vogels Werkstatt geht. Und darum, sodann die hier erworbenen Fertigkeiten in die nächste Werkstatt und das eigene Atelier mitzunehmen.

 

Rheinpfalz, 14.03.2019

 

Bilder aus Artikel

 

Von Mathias Wagner und Antje Landmann

Ein Hoch aufs schöne Buch!

Die schwarze Kunst ist noch nicht ausgestorben, aber immer weniger Leute wissen wie man ein Buch druckt – Der Schriftsetzer Wolfgang Vogel öffnet sein Atelier

Woran erkennt man ein gutes Buch? Daran, dass die Geschichte einen fesselt – und daran, dass man keine Kopfschmerzen beim Lesen bekommt, weil die Schrift gut gewählt und gesetzt ist. Wenn der Buchdeckel und die Illustrationen dann auch noch verheißungsvoll gestaltet sind, hüpft das Leserherz. Die Jahrhunderte alte Kunst des Buchdrucks war schon totgesagt – lebt aber weiter.

Wissenschaftliche Werke und Ratgeber sind schon an den Digitaldruck verloren gegangen. Und es sah zwischenzeitlich so aus, als würder E-Books die Romane in Taschenbuchformat verdrängen, aber die Verkaufszahlen scheinen zu stagnieren. Zwar lesen weniger Leute Bücher, dafür kaufen diese Bibliophilen mehr – und sind bereit, mehr Geld für schöne Exemplare auszugeben. Die Büchergilde etwa, zu der sich 1924 die Buchdrucker genossenschaftlich zusammengeschlossen hatten, pflegt bis heute in ihren besonderen Editionen die Kunst der Typographie und der Illustration und bringt Klassiker, Weltliteratur und sogar Bestseller wie Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ heraus. Wer Mitglied ist, verpflichtet sich dafür, vier Exemplare pro Jahr anzunehmen – ein Klacks für regelmäßige Bücherverschenker.

Das die analoge Methode nicht ausgestorben ist, sieht man auch daran, dass ein großer Berliner Verlag einer seiner Auflagen extra in einer alten Druckerei drucken ließ, erzählt der Ludwigshafener Schriftsetzer Wolfgang Vogel, der sein Atelier Slowtype im ehemaligen Umspannwerk eingerichtet hat. „Sie ist vielmehr eine Ergänzung zu den digitalen Werkzeugen“,sagt Vogel. „Es ist Kunst“.

Die Druckkunst ist im vergangenen Jahr ins immaterielle Kulturerbe der Unesco aufgenommen worden, weshalb am morgigen Freitag erstmals zu einem „Tag der Druckkunst“ mit über 240 Veranstaltungen deutschlandweit eingeladen wird. Eine davon in Ludwigshafen.

Damit sich jeder Besucher ein Bild von der Arbeit Vogels machen kann, zeigt er den Weg eines handgesetzten Textes und selbstgefertigten Linolschnitts bis zum fertigen Druck an der FAG-Andruckpresse. „Die Geräte sind einfach origineller als eine Computer-Tastatur“, sagt der gelernte Schriftsetzer im Handsatz. Das Drucken sei immer wieder ein Abenteuer. Deswegen sei ein Besuch gerade für Kinder eine schöne Sache. „Die staunen über die Geräte und sind auf das Ergebnis gespannt“, sagt der Künstler, der an diesem Tag auch sein Wissen weitergeben will. Das fertige Blatt wird Teil einer Mappe, die der Verein für die schwarze Kunst (www.verein-fuer-die-schwarze-kunst.de) mit Drucken aus allen Mitgliedswerkstätten anlegen wird und die man kaufen kann. Besucher dürfen außerdem ein Motiv auf Büttenpapier an einer Anziehnudel drucken und können die Dokumentation „Schrift ist ein Abenteuer“ sehen.

Den Tag der Druckkunst will der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler als festen Termin im kulturpolitischen Kalender verankern. „Wir möchten uns dadurch vernetzen und das Wissen erhalten“ sagt der 64-jährige Künstler.

 

Rheinpfalz, 19.12.2018

Von Mathias Wagner

Perfekt unperfekt

Der Buchdruck-Künstler Wolfgang Vogel stellt derzeit sein zweites Buch "Jetzt bin ich selbst wie König Salomo" im Ludwigshafener Café Franz und Lissy aus. Darin behandelt er anhand von Holz- und Linolschnitten sowie Auszügen aus den Briefen, die Korrespondenz zwischen Rosa Luxemburg und Sophie Liebknecht.

Mit Garn zusammengebunden liegen sie da, die sogenannten Kolumnen. Sie bestehen aus zusammengesetzten Bleibuchstaben aus dem Setzkasten. Zusammen bilden sie einen Brief von Rosa Luxemburg an Sophie Liebknecht, die Frau Karl Liebknechts. In mühevoller Kleinstarbeit hat Wolfgang Vogel die Lettern plaziert und zu Wörtern und Skizzen geformt. Ein kleiner Fehler könnte die Arbeit zunichte machen.

Auch die Bearbeitung des Holzes für die finalen Bilder kostet den 64-jährigen Künstler viel Zeit und Kraft. Der gelernte Schriftsetzer im Handsatz schnitzt mit seinem Werkzeug Muster in das weiche Holz und schleift es ab. Trotzdem fallen Unfeinheiten auf. "Gerade das Unperfekt macht es einzigartig", sagt Vogel.

Mithilfe einer Andruckpresse kommt die Farbe aufs Papier. Der Künstler bestreicht die Walzen der Presse mit Farbe und rollt sie mit dem Papier auf den Holzschnitten. Viele Bilder handeln von Natur und Vögeln. Geschützt werden sie durch den Buchdeckel. Dieser wird durch die Buchbindung befestigt. Die japanische Blockbindung ist perfekt geeignet für die Querheftung, die der Künstler für sein zweites Buch bevorzugt. Die ersten Exemplare liegen in seinem Atelier. Stolz präsentiert Vogel ein fertiges Buch. Für ihn ist es eine "Herzensangelegenheit" nicht nur wegen des Themas, sondern auch weil er das Kulturgut Buch damit unterstützen möchte, sagt der Künstler.

Das fertige Buch und alle darin enthaltenen Schnitte werden bis Montag, 7. Januar, im Café Franz und Lissy in der Lisztstraße 176 ausgestellt. Eines der 50 Exemplare kostet bis zum 19. Januar 180 Euro, anschließend kann man es für 200 Euro erwerben.

 

Rhein-Neckar Zeitung, 18.09.2018

Mit den eigenen Haaren Bilder gemalt

Im Rahmen der Ausstellung "Ich habe meine Sprache gefunden" sind im Ladenburger Domhof auch ungewöhnliche Werke zu sehen

Der Ladenburger Kunstverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, zeitgenössische Kunst zu zeigen und entsprechende Künstler zu fördern. In der Ausstellung "Ich habe meine Sprache gefunden", die jetzt von der Vorsitzenden des Kunstvereins, Wiebke Hünermann-Neuert, eröffnet wurde, werden die Werke von 25 Kunstschaffenden gezeigt... Im Anschluss stellte die Vorsitzende des Kunstvereins die Künstler und deren Werke vor. Alle hätten ihren persönlichen Stil gefunden "und sprechen somit ihre eigene Kunstsprache", meinte Hünermann-Neuert, die sich von der Qualität und Kreativität der Werke begeistert zeigte.....Wolfgang Vogel verarbeitet in seinen Holzschnitten Buchstaben, die keinen zusammenhängenden Text bilden sollen. Er spielt mit der Form der Buchstaben, und diese Sichtweise mache das Werk besonders lebhaft, sagte Hünermann-Neuert....

 

Mannheimer Morgen, 18.09.2018

25 Künstler haben ihre Sprache gefunden

Ladenburg Kunstverein präsentiert im Domhof Ausstellung / Auswahl durch unabhängige Jury

Einen Überblick über die zeitgenössische Kunst im gesamten Südwesten gibt die Ausstellung "Ich habe meine Sprache gefunden". 25 Künstler aus verschiedenen Sparten zeigen Werke die eine unabhängige Jury ausgewählt hat. Als "hochkarätig" im Hinblick auf die beteiligten Künstler bezeichnet Wiebke Hünermann-Neuert, die Vorsitzende des gastgebenden Kunst-Vereins Ladenburg, diese Schau....

 

Rheinpfalz 4. Juli 2018

 

Foto Rheinpfalz

VON SIGRID FEESER

Schöne Buchstaben und malerische Ereignisse

Im Kultursommer öffnen die Künstler im ehemaligen TWL-Umspannwerk in Mundenheim ihre Ateliers

Das Atelier aufgeräumt, das Werkzeug ordentlich auf Habacht. Es ist mal wieder Kultursommer in Ludwigshafen und die Künstler öffnen ihre Ateliers für das Publikum. So auch im ehemaligen TWL-Umspannwerk am Mundenheimer Friedhof. Ein Besuch lohnt sich auch in diesem Jahr. Neues und Spannendes gibt es genug zu sehen...

...Wolfgang Vogel's Druckwerkstatt ein paar Schritte weiter ist das stille Bijou im Atelierhaus. Buchdruck noch richtig mit Handsatz und Buchdruckfarben, auch Linol- oder Holzschnitte sind Nischenprodukte geworden, die Hingabe und Konzentration erfordern. Vogel beherrscht diese Kunst, deren Grundlagen er in Workshops gerne an interessierte Laien vermittelt (wieder am 18. und 19. August. Näheres unter www.slowtype.de).

An der Wand hängen mehrfarbige Drucke, die aus Holzschnitten aus Pappelsperrholz entstanden sind und auf raffiniert-ausgefeilte Weise Buchstaben unterschiedlicher Schrifttypen verfremdend, drehend, fragmentierend oder zerlegend durchspielen. "Typo-Formen" nennt der Drucker diese der "schönen Form" gewidmete Glasperlenspiele. Nicht jede Schrift gewinnt bei diesem Prozess. Dass die unterschiedlichen Antiquas ihre bildkünstlerische Befragung mühelos bestehen, das war nun allerdings zu erwarten.

 

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