Die Rheinpfalz 1.08.2015, Kultur Regional Ludwigshafen

Landschaftsbilder, Druckwerke und der Zustand der Welt

VON SIGRID FEESER

Die "Offenen Ateliers" im TWL-Atelierhaus am Mundenheimer Friedhof sind so etwas wie ein fixer Termin im Ludwigshafener Kultursommer. Am heutigen Samstag zeigen Alex Bär, Markus Stürmer, Ulrich Thul und Wolfgang Vogel wieder einige ihrer jüngsten Produktionen....

..."Slowtype", das klingt ein wenig nach Slowfood und Entschleunigung. Was ja auch stimmt: Drucken mit beweglichen Lettern ist eine langsame, auf Sorgfalt beruhende, wenn man will meditative Kunst. Der Drucker Wolfgang Vogel ist so ein leiser Arbeiter, der seine stillen Übungen in Workshops gern an Freunde des alten Handwerks weitergibt. So steht am 22.-23. August unter dem Motto "Handsatz und Buchdruck" das Thema 470 Jahre Garamond-Antiqua auf seiner Agenda. Literarische Themen liegen nahe, der auf dem Einladungsflyer abgebildete Leporello zu Rilkes Panther-Gedicht inzeniert das perfekte Zusammenspiel von Typografie, Text, Inhalt und Bild....

 

Atelierhaus

 

"Die Rheinpfalz" 18.07.2014, Kultur Regional Ludwigshafen

Offene Ateliers im alten TWL-Umspannwerk: Hausbesuche bei Alexander Bär, Markus Stürmer, Wolfgang Vogel und Maria Kropfitsch

VON SIGRID FEESER

Offene Ateliers im alten TWL-Umspannwerk: Hausbesuche bei Alexander Bär, Markus Stürmer, Wolfgang Vogel und Maria Kropfitsch
Getränke standen bereit, an Herzhaftem für dle Gäste fehlte es nicht. Fünf Künstler hatten ihre Ateliers im alten TWL-Unspannwerk am Mundenheimer Friedhof geöffnet, eine Woche nach ihren Kollegen Sonja Scherer und Armin Liebscher. Dass die fünf Nachzügler alles andere als Ersatzspieler sind, stand schon vorher fest. Entsprechend abwechslungsreich war die Begegnung mit fünf ganz unterschiedlichen künstIerischen Temperamenten. Aber schön der Reihe nach, der Rundgang folgt der Nummerierung der Ateliers. Alexander Bär aus Nummer 1 ist einem gleich sympathisch mit seinem Zürcher Akzent, dort kommt er her und dort hat der Maler sein zweites Standbein. Der Wanderer zwischen Gegenstand und Abstraktion kommt aus einer Künstlerfamilie. Offensichtlich hat er die Ruhe weg, so Iange Lehr- und Wanderjahre gönnt sich eigentlich nur einer, der die Richtung kennt.
1997 zog es den 30-Jährigen (die bis dahin absolvierten Ausbildungs- und Arbeitsjahre schenken wir uns) nach Osten, zu Arno Rink und Neo Rauch an die Hochschule für Grafik und Buchkunst nach Leipzig, dann zum Aufbaustudium nach Giebichenstein. Jetzt also Ludwigshafen, die Gründe sind privater Natur, denn eigentlich gehört der Maler mit dem Hang zu klassischen Themen (Maler und Modell, arkadische Szenen), mächtigen Bildformaten und oft überlangen Inkubationszeiten (bis zu zwei Jahre für ein Bild) in den rauen Wind der Kunstmetropolen. Es ist eine sehr reife, um ihre Mittel und Möglichkeiten hoch bewusste Malerei, die sich sich nicht scheut, sich handwerklich reflektiert an klassischen Themen abzuarbeiten, ohne sich ihnen auszuliefern. Man merkt die Leipziger Klaue, schön, dass sie Bärs eigene geworden ist am Ende.
Nebenan in Nummer 2 hat Markus Stürmer sein Atelier. Die Formate seiner Bilder sind zurückgenommen, eher handlich, die Farben kräftig. mit einem entschlossenen Hang zum lebhaft Bunten. Der aus Gleisweiler in der Südpfalz gebürtige Maler nimmt seine Ausbildungszeiten ziemlich locker, schätzt sich, es mag ein wenig Tarnung mit im Spiel sein, eher autodidaktisch ein, wofür seine originelie Vorgehensweise spricht.
Gemalt wird gewissermaßen im Dreischritt, erst kommen Landschaften, darauf folgen dem Jazz geschuldete gegenstandsfreie Stillleben, auf diese lässt er als Königsklasse die Porträts folgen, auch historisch nachgereichte, wie das von Alfred Flechtheim, dem großen Kunsthändler der Weimarer Republik, dem Otto Dix ein berühmtes Bildnis widmete. Dem kann man folgen und dem Maler ein gewisses Maß an Heiterkeit und Gelassenheit zuordnen. Markus Stürmer jedenfalls weiß was er will.
Zu Ulrich Thul, Wolfgang Vogel und Maria Kropfitsch muss man die Treppe hinunter ins Untergeschoss. Licht ist trotzdem da, auch wenn der Ausblick ins Freie fehlt. Macht nix, hört man, wäre mit den großen Atelierfenstern oben auch zu heiß. Konzentrationsfördernd sind die hochliegenden Fenster sowieso. ,,Nichts vertuschen", mahnt Ulrich Thul, was wir als Hinweis auf seine Stärke lesen, nämlich die exzellenten Tuschezeichnungen, auf denen es frei assoziativ zugeht, manchmal tagebuchartig intim, immer interessant. Dazu gibt es Multimediamalereien, dicht bevölkerte, vom Horror Vacui angetriebene Bildgeschichten, die ein bisschen nach der Art brut schielen, das gibt ihnen ein leicht pfeffriges Aroma. Verspielt-böse – oder bös verspielte – Kleinobjekte runden den Atelierbestand ab. Auf einem Brett sitzen ein Haken und ein Kreuz, Atelierabfälle in Gläsern werden verkauft, eine Giraffe kotzt – wir erkennen den lroniker, der mit beiden Beinen auf dem Boden der bösen Tatsachen steht.
In Atelier 11 finden wir Wolfgang Vogel, der gelernter Schriftsetzer ist, also zu den eher stillen Arbeitern im Weinberg der Künste zählt Die Druckwerkstatt ist sauber aufgeräumt. Das gehört sich so für einen, der mit alten Blei- und Holzlettern, auch Linol- und Holzschnitt handwerklich arbeitet und die feinsten Text-Bild-Mappenwerke herstellt. Ausgewählte Texte von Peter Weiss und Pablo Neruda stehen für den hohen Anspruch von Wolfgang Vogels zwischen Experiment und altem Handwerk vermittelnder Kunst, die um marktgängige Lautstärken einen großen Bogen macht.
Ganz hinten im Gang bei Maria Kropfitsch in Nummer 9 ist es so richtig clean aufgeräumt, eine gewisse Scheu beim Eintreten ist die Folge. Die Faber-Castell-Bleistifte auf dem Arbeitstisch liegen sortiert. ,,lch arbeite eher assoziativ", sagt die in Germersheim aufgewachsene Künstlerin, auch so eine der Leisen im Lande. Ein aus Haar geflochtenes Oval sehen wir da an der Wand, einen abgeschnittenen Zopf aus feinem Schleifpapier herausgearbeitete informelle Farbräume, auf dem Boden ein Häslein in der (Fell-) Grube. Mit Tempera auf Holz gemalte Figuren gleichen eher kleinen Objekten. Gegenstände in Farbräumen zu erproben war das Thema von Maria Kropfitsch. Jetzt sind die kleinen Objekte dran, leicht zu übersehen, wenn man nicht aufpasst, wie mancher Gast das tat.

 

"Die Rheinpfalz" 19.09.2011, Kultur Regional Ludwigshafen

Galerie Eleonore Wilhelm stellt typografische Arbeiten des Ludwigshafener Künstlers und Schriftsetzers Wolfgang Vogel aus

Wolfgang Vogel stellt seine typografischen Kunstwerke schon eine ganze Weile her, hatte aber noch nie eine Ausstellung. Die Galerie Eleonore Wilhelm zeigt jetzt erstmals unter dem Titel “Der typografische Ton des gedruckten Wortes” Arbeiten des Ludwigshafener Künstlers.
Die größten und damit auffälligsten Arbeiten der Ausstellung sind drei 3,50 Meter hohe und 90 Zentimeter breite Fahnen. Auf ihnen sind Buchstaben verteilt, ohne dass sie zusammen einen Sinn ergeben würden. Solche Buchstabenkombinationen in den Farben Schwarz und Rot finden Sich immer wieder auf den anderen Arbeiten Wolfgang Vogels. Etliche setzen die Ode an die Typografie des chilenischen Schriftstellers Pablo Neruda ins Bild “Liebste”, steht da etwa ganz groß und rot, “ich liebe / die Buchstaben / deines Haares” fett und schwarz in den nächsten Zeilen. Dann folgt klein und dünn und nur die einzeln stehenden Buchstaben fett hervorgehoben: “das / U / deines Blicks, das / S / deines Taillenschwungs” und so weiter. Vogel hat bei der pfälzischen Verlagsanstalt in Landau von 1971 bis 1974 den Beruf des Schriftsetzers gelernt. Mit Bleisatz hat er begonnen, zum Bleisatz ist der Mitfünfziger zurückgekehrt. Dazwischen lagen Anpassungen an den technischen Wandel: Handsatz, Offsetdruck und schließlich der Computer, mit dem der Grafiker und Buchgestalter seine Arbeit verrichtet. Als Mitarbeiter des Landesmuseums für Technik und Arbeit in Mannheim, heute Technoseum, hatte Vogel aber immer noch Zugang zum alten Bleisatz, bis er sich selbst eine Druckmaschine zugelegt hat. Seine Drucke erscheinen in geringen Auflagen. Elf Exemplare gibt es von Nerudas elfteiliger “Ode an die Typografie”.
Die höchste Auflage von den ausgestellten Arbeiten hat mit 39 Exemplaren ein Druck nach Peter Weiss‘ “Die Ästhetik des Widerstands”. In der Mitte des Triptychons steht ein in mehrere Spalten gesetzter Auszug aus dem Roman, der so abrupt wieder abbricht, wie er begonnen hat. Links flankiert das Mittelstück ein Holzdruck, rechts etliche so übereinandergeschichtete Drucke, dass sie sich zu einem unleserlichen Buchstabenbrei vermengen.
20 Exemplare ist die Auflagenhöhe der Drucke mit Volker Brauns Bearbeitung von Platons Höhlengleichnis und Wolfgang Vogels Buchstaben- und Zeichenkombinationen dazu. Um Unikate handelt es sich schließlich bei drei Bildern mit dem Titel “Seefahrende Typografie”. Hier läßt der Druckkünstler Segelboote, wie sie auch schon im Nerudazyklus vorkamen, Buchstaben transportieren. Nur auf diesen Bildern verläßt Vogel die Festlegung auf die Farben Rot und Schwarz und erweitert die Palette um Blau, Weiß und Gelb. Zugleich lassen  die drei Bilder am deutlichsten die Orientierung am russischen Konstruktivismus und an Vorbildern wie El Lissitzky, Rodtschenko, Tatlin und Malewitsch erkennen. Ihretwegen hat sich Wolfgang Vogel 1989 längere Zeit in Moskau aufgehalten.
Am 1. Oktober zeigt Eleonore Wilhelm begleitend zur Ausstellung zwei Filme: den Dokumentarfilm “Schrift ist ein Abenteuer”, der 2005 in der Imprimerie Nationale, der französischen Staatsdruckerei in Paris, gedreht wurde, und “Zwiebelfische, Jimmy Ernst, Glückstadt-New York”. Der Film erzählt die Geschichte des Sohnes von Max Ernst mit der jüdischen Kunsthistorikerin Lou Strauss, Hans-Ulrich Ernst, der 1935 in der Druckerei Augustin in Glückstadt eine Schriftsetzerlehre begann und 1938 in die USA auswanderte. (huf)